top of page

Chillen mit Tätern: Have you met my friend, the incel?

  • 3. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Vom nötigen Kulturwandel, wollen Männer Partner werden.




Neulich auf der Party von Freunden. Umgeben von Männern, die ich für sensibilisiert halte zum Themenkomplex Mit-/Täterschaft, consent, sexuelle Gewalt und insbesondere männlicher heterosexueller Übergriffigkeit.


Ich komme ins Gespräch mit einem Mann, nennen wir ihn Paul, den ich seit geraumer Zeit als festen Teil der Freundesgruppe wahrnehme. Da ich bisher kaum etwas von ihm weiß, stelle ich Fragen, auch die dana

ch, wie er dazugehört. Höre, dass der gemeinsame Rahmen des Kennenlernens vor allem die Bar ist, in der ich neulich auch noch regelmäßig Gästin war; dass es in dieser Bar seit neuestem Frauen gibt, die schlecht über ihn reden.


Werde hellhörig, frage nach, was denn Schlechtes über ihn geredet wird. Seine Antwort: „Ich habe Dinge getan, die die Frauen im Kontext intimer Kontakte nicht wollten.“ Ich antworte: „Also warst du übergriffig.“ . „Nein“, kommt es prompt, während er sich vor mir aufbaut. „Doch, klar“, beharre ich: „Wenn du Dinge tust, von denen du weißt, dass das Gegenüber sie nicht will, dann bist du übergriffig:“ „Nein!“, betont er, sich noch weiter vor mir aufblähend. Ich wiederhole: „Doch, klar!“, er wieder: „NEIN!“


Ich entscheide, das Gespräch nicht fortzusetzen, sage: „Dieses Gespräch ist beendet, denn es ergibt offenbar keinen Sinn.“ Will mich bewegen, doch bleibt er vor mir stehen und will diskutieren, akzeptiert also auch mein „Nein“ nicht.


Bis sich ein weiterer Mann, mit dem ich davor im Gespräch war, einmischt und ihm mitteilt: „Die Frau hat jetzt schon drei Mal laut gesagt, dass sie mit dir nicht weiter sprechen will, also gehst du ihr jetzt aus dem Weg und lässt sie in Ruhe.“


Zack, macht Paul Platz, und ich setze mich neben die Person, die gerade intervenierte.


Im Zuge des Abends spricht Paul mich weitere drei Mal an. Will sich und sein Verhalten rechtfertigen mit dem Hinweis: „Ihr Frauen wollt doch, dass ein Mann mit Nachdruck arbeitet! Ihr wollt doch, dass wir nicht locker lassen. Ihr erwartet das doch von einem Mann!“


Ich frage nach seinem Frauenbild, von seiner Vorstellung von weiblicher Sexualität; rede von Begeisterung, zumindest Consent, vom Fragen danach, ob alle Beteiligten wollen, was man selbst möchte und habe dabei den Eindruck, dem Mann eine ihm gänzlich unbekannte Welt zu beschreiben.

Im letzten mir aufgedrängten Gespräch dankt er mir lächelnd dafür, dass ich ihm derart den Kopf gewaschen habe, weil er jetzt vieles besser verstünde.


Daraufhin teile ich mit, dass ich das nicht sehe in Anbetracht dessen, dass er sich mir wieder aufdrängt, ich zudem nicht an spontane Erleuchtung glaube, geht es um das eigene übergriffige Verhalten; biete an, wenn er mir einen Gefallen tun möchte, solle er meine Sätze mitnehmen und mit sich in ehrlichen Austausch dazu gehen bevor er glaubt, irgendwas verstanden zu haben.


Ergänze, dass mein Eindruck ist, er möchte einfach wieder wie einer von den Guten, rehabilitiert und über jeden Zweifel erhaben dastehen – und dass ich ihm diesen Gefallen nicht tue.


Wenige Wochen später: Ich sitze in der erwähnten Bar.


Zu später Stunde wirft die Barfrau ihren Stalker raus, der geraume Zeit später wieder vor der Tür steht. Mittlerweile sind wir noch zu fünft am Tresen, sie und ich die einzigen Frauen; auch Paul ist wieder dabei, zudem zwei weitere Freunde von Paul und der Barfrau (nennen wir sie Hans und Franz), beide ebenfalls ehemalige Tresenkräfte der Bar. Es wird diskutiert, was zu tun sei, was die Barfrau wünscht. Daraufhin öffne ich die Tür und lasse den Stalker wissen, dass er zwei Optionen hat: Gehen oder ich rufe die Polizei.


Paul mischt sich ein, bittet mich eindringlich darum, sich dem Stalker annehmen und das regeln zu dürfen. Er verlässt die Bar und verschwindet mit dem Stalker in die Nacht.


Zwischen uns verbliebenen Vieren entsteht ein Gespräch über Stalking und Übergriffigkeit, in dem ich auch Paul und die Begegnung im Zuge der Party erwähne. Es kommt heraus: Eine der Frauen, die „schlecht über ihn spricht“, ist die anwesende Barfrau; Hans erklärt: „Ja, Paul ist ein incel.“


Franz guckt so verdutzt wie ich in die Runde. Ich frage, warum dieser Mann hier weiter willkommen ist? Warum diese Infos nicht geteilt werden in einem Rahmen, der auch andere flinta schützt? „Was sollen wir denn machen?“, schaut mich Hans an. Mein Vorschlag: „Wie wäre es mit harter Konfrontation unter Männern, zudem Hausverbot auch aus Solidarität mit den Betroffenen und zum Schutz aller potenziellen weiteren Opfer?“, trifft auf betretenes Schweigen.


Hans erwähnt ein kürzlich geführtes Gespräch mit Paul, in welchem er auf ihn und seine misogynen Incelansichten eingewirkt habe. Nach Nachfragen halte ich fest, dass dieses Gespräch vor dem Partyabend stattfand, es also gar nichts bewegt, weil Paul nicht erreicht hat. Andernfalls wäre meine Begegnung mit ihm oder/und der Austausch oder/und seine Selbstvorstellung oder/und sein Umgang mit mir anders gelaufen.


Irgendwann kehrt Paul zurück und ich erlaube mir meine Wut. Lasse ihn wissen, wie bezeichnend ich es finde, dass er sich berufen fühlt dem Stalker beizustehen, dass er ihm Aufmerksamkeit und Empathie schenkt, statt mich die Polizei rufen zu lassen, auch damit das Ganze endlich zu Anzeige kommt. Rede von Solidarität mit Tätern, zu denen auch er gehört und von der er hier ebenfalls mehr erfährt aus Gründen, die mir kein Mensch nennen kann. Nenne ihn also Täter und sage, wie leid ich es bin, dass Tätern weiterhin und überall Räume zur Verfügung stehen, in denen sie sich ungeniert und ungestört aufhalten können und ich mich weigere, das mitzutragen.


„Dann komm halt nicht mehr hierher!“, ist seine Lösung, worauf ich laut lache und lauter antworte, dass ich mir von Tätern weder Raum noch Rede oder irgendwas nehmen lasse. „Du machst mich nicht zum Täter!“, ruft er aus, worauf ich entgegne, dass ich das nicht brauche, denn das macht er mit seinem Verhalten.


Da sonst niemand etwas beitragen möchte, löst sich der Abend auf: Die Barfrau sowie die anderen beiden Männer entscheiden, die Nacht gemeinsam mit Paul ausklingen zu lassen. Ich lehne die Einladung dazu ab mit den Worten: „Ich chille nicht mit Tätern.“

Pauls Angebot eines Handschlags zum Abschied schlage ich ebenso aus.


Was ich seitdem einmal mehr verstehe: Es gibt keine sicheren Räume, befinden sich darin Männer. Solange Männer sich nicht endlich ehrlich machen in Bezug auf ihr eigenes Verhalten und das ihrer Jungs im Umgang mit flinta und insbesondere sexuellem Kontakt mit uns, ist jeder Mann ein potenzieller Täter.


Auch, weil zu wenige verstehen wollen, wo übergriffiges Verhalten beginnt, und wie sie an der allgemeinen und besonderen Angst von Frauen beteiligt sind und von ihr profitieren.


Wir leben in patriarchalen Strukturen, deren rape culture von Täter-Opfer-Umkehr lebt, die Frauen verantwortlich macht und hält für männliches Verhalten.


Solange Männer weiter lieber mit ihren Täterbrüdern chillen statt sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren, es nicht einmal im Kleinen Konsequenzen gibt wie in einer Kreuzberger Kiezkneipe, ist jedes Gerede von Allyship keinen Bierdeckel wert.


Was es braucht, ist ein Kulturwandel.


Weg von der Logik der rape culture, der male notion of entitlement nach der Männer glauben, sie hätten ein Vor- und Anrecht auf Räume, auf Frauen, unsere Körper und unsere Verfügbarkeit für ihre Bedürfnisse.


Diese Bewusstseinsarbeit haben Männer zu leisten unter Anerkennung, dass es dafür keine Belohnung geben wird in Form von Keksen, Blow Jobs oder Garantie auf Sex mit Frauen. Einzig die die Chance darauf, endlich als potenzielle Partner auf Augenhöhe anerkannt zu werden. Nicht mehr, nicht weniger.


Die Ergebnisse der aktuellen Studie zur Frage: „Hast du schon einmal eine Frau zum Sex gedrängt, obwohl du wusstest, dass sie den nicht will“, ist bezeichnend. Frauen dürften wenig überrascht vom Ergebnis sein; ich war es nicht. Anonym und ohne Sorge vor Konsequenzen lautet die Antwort bei neun von zehn Männern: "Ja."


Es bleibt bei

„all men“,

bei „Jeder Mann kann Täter sein“,

bis Männer ihre Arbeit machen und verstehen wollen,

vor welchem Hintergrund diese Sätze stehen,

wie sie damit gemeint sind, statt deren Berechtigung zu diskutieren.

Bis dahin ist und bleibt jeder Mann

der potenzielle Feind

im Bett und Haus jeder Frau.




Aus: O`Sullivan, L. F., & Ronin, S. T. (2026. Isolate, inebriate, intimidate, repeat: High rates of sexual force against women are reported when young men given anonymous surveys. Journal of Interpersonal Violence. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08862605261432630

 
 
bottom of page